Wasser in der Dreieich

von Jean Heyl


Wasser aus Dreieich fließt in den Rhein und dann in die Nordsee

Mit dem Hengstbach, dem Hegbach und dem Luderbach gibt es in den Gemarkungen von  Dreieich drei Bäche die zum Main und Rhein und danach zur Nordsee führen.

 Der Hengstbach hat sein Quellgebiet in den Wiesen zwischen Götzenhain, Philippseich und Dietzenbach. Danach  fließt er durch Götzenhain, Dreieichenhain, Sprendlingen und Buchschlag durch die Hengstbachaue zwischen Buchschlag und Zeppelinheim. Er fließt dann an Zeppelinheim vorbei, unterquert die Autobahn A5 und schlängelt sich renaturiert zwischen Autobahn und Flughafen in Richtung Walldorf. Ab hier hat er den Namen Gundbach. Der Gundbach führt an Walldorf vorbei durch die Gundwiesen in Richtung Jagdschloss Mönchbruch an der Straße nach Rüsselsheim (Bundesstraße 486). Hier vereinigt sich der Gundbach mit dem aus östlich von Mörfelden kommenden Geräthsbach zum Schwarzbach. Der Schwarzbach fließt dann durch Nauheim, südlich an Trebur und Astheim vorbei und mündet in Ginsheim zunächst in den Altrhein und dann in den Rhein.

Ein wichtiger Zufluss des Schwarzbach ist der Hegbach, der südlich von Nauheim in den Schwarzbach mündet. Dieser Hegbach kommt auch aus der Dreieicher Gemarkung, wo er als Rutschbach sein Quellgebiet im südlichen Koberstädter Wald zwischen Offenthal und Messel hat und zum Ernst-Ludwig-Teich aufgestaut wird. Der Hegbach fließt dann an Egelsbach-Bayerseich vorbei zum Flugplatz Egelsbach und danach südlich von Mörfelden in Richtung Nauheim.

 Der Luderbach, auch Erlenbach und Königsbach genannt, hat sein Quellgebiet am Golfplatz Neuhof. Zunächst durchquert er den Neuhöfer Wald in Richtung Neu-Isenburg. Dort wird er Erlenbach genannt und fließt durch die Erlenbachaue und den Bansapark . Danach fließt er als Königsbach durch den Frankfurter Stadtwald und speist den künstlich angelegten Jakobiweiher an der Oberschweinstiege. Vorbei am Luisa-Park mündet der Luder- / Erlen- oder Königsbach in der Nähe des Universitätsklinikums Frankfurt in den Main.

Der gesamte Verlauf der genannten Bäche ist ersichtlich in den Freizeitkarten des Regionalpark Rhein Main, Südlich des Mains Teil 2 und Teil 3.

Die Besonderheit des Hengstbachs ist, dass er früher in der sumpfigen Hengstbachaue im Buchschlager Wald nahe dem Forsthaus Mitteldick bei Zeppelinheim versickerte und ca. drei Kilometer südwestlich hinter dem heutigen Flughafen, nahe Terminal 3, wieder als Gundbach an die Oberfläche kam.

Die Geschichte vom Waldmüller am Hengstbach

In der Geschichte vom „Waldmüller am Hengstbach“ ist diese Besonderheit eindrucksvoll beschrieben. (Quelle: Broschüre Landschaft Dreieich, Sonderband Sagen, Mythen und Märchen, Gerd J. Grein, 1994, S. 77  und Heinz Lenhardt a.a.O. Nach einer Veröffentlichung in „Die liebe Heimat, Rüsselsheim, 1923, S.13)

Vor langer Zeit war der Hengstbach noch ein wasserreicher Bach mit zahlreichen Mühlen am Oberlauf, z.B. in Götzenhain, Dreieichenhain und Sprendlingen. Dort wo heute der Ort Zeppelinheim liegt gab es im Mitteldicker Wald die sogenannte Waldmühle. Der Besitzer der Mühle war ein Geizhals schlimmster Sorte und ein Betrüger und Wucherer ersten Ranges. Fortwährend überlegte er wie er sich am besten mit dem Getreide seiner zahlreichen Kunden bereichern könne.
Es war Not im Land und eines Abends klopfte es an sein Fenster. Draußen stand ein ehrwürdiger alter Mann mit langem weißen Bart und sprach im bittenden Ton: „Waldmüller, ich komme in Gottes Namen, ihr wisst, dass der Hunger im Land groß ist, und so gebt mir von eurem Überfluss ein wenig Mehl für die Armen, der Himmel wird es euch vergelten!“ Der Müller aber entgegnete: „Je größer der Hunger, desto teurer wird das Mehl und ich habe nur Mehl zu verkaufen. Und ehe ich den Armen etwas schenke, soll der Mühlbach stille stehen!“ “Dein Wort soll in Erfüllung gehen“, sprach der Fremde und verschwand im Dunkel des Waldes. Der Herrgott selber soll es gewesen sein, der durch den schweigenden Forst ging. Schimpfend warf der Müller das Fester zu und brummend und wetternd begab er sich zur Ruhe.
Um Mitternacht erweckte ihn ein heftiges Schütteln und Beben. Das Mühlengebäude hatte in seinen Grundfesten gezittert – und das Mühlrad stand still. Augenblicklich stand er in seiner Mühle. Dort war noch alles in Ordnung. Aber draußen, o Schreck! Der Mühlgraben hatte kein Wasser mehr. Unweit der Mühle verlor sich der Hengstbach in der Mutter Erde.
War auch durch den Himmel das Mühlrad still gestellt, der alte Geizhals hatte die Bauern um soviel Mehl gebracht, damit er mehrere Hungerjahre damit auskam. Beim Verkauf konnte er zum steinreichen Mann werden, da der Mehlpreis von Tag zu Tag stieg. Und zum Himmel aufschauend sprach er: „Der Waldmüller hat noch Mehl, wenn auch das Mühlrad steht. Das Wasser hast du mir genommen, mein Mehl nimmst du mir nicht. Gib du den Armen Mehl, wenn du hast!“ So sprach der Waldmüller als draußen vor offenen Fenster wieder der rätselhafte Fremde erschien und den Müller mitleidig lächelnd betrachtete.
„Was willst du schon wieder?“ war die zornige Frage des alten Betrügers. „Deine Reue, wenn du hast dich an Gott und den Menschen versündigt. Gib dein Mehl den Hungrigen, so wirst du Gnade und Verzeihung finden; wenn nicht, so wird der Herr, der dein Rad stellte, dich und dein Mehl verderben“. „Den möchte ich sehen, der mir mein Mehl nimmt und auch mich austilgen will!“ rief zornig der alte Schacherer.
Es währte aber nicht lange, da zog ein schweres Gewitter von Westen her und kam mit dumpfen Donnern und Blitzen rasch näher. „So ists recht“ spottete da der Gottlose, „treib du nur da oben dein Kegelspiel und bekümmere dich nicht um mich und mein Mehl.“ Kaum aber waren diese ruchlosen Worte den Munde entfahren, da erfolgte ein heftiger Blitz und ein furchtbarer Knall – die Mühle mit dem ganzen Mehlvorrat stand in hellen Flammen. Mit zwei leeren Löscheimern rannte der Müller zum Hengstbach, dessen Bett aber trocken war. Mit einem furchtbaren Fluche die Eimer von sich schleudernd, rannte er wie toll in den Wald und schrie um Hilfe.
Da trat ihm der Fremde in die Quere und sprach frundlich zu ihm: „Waldmüller, zum letzten Male erscheine ich dir, und weil du Hilfe brauchst, so sollst du sie haben, wenn du demütig und barmherzig wirst.“ Wütend stieß das der Müller die Worte hervor: „Geh zum Teufel mit deiner Hilfe, alles hast du mir genommen, das Wasser, die Mühle und mein Mehl; nur das nackte Leben blieb mir.“
„Dir blieb noch genug, um deine Fehler wieder gut zu machen, und wenn du deinen Sinn änderst und ein neues Leben beginnen willst, so kann ich dir wohl helfen.“
„Nach meinem Leben stehst du wohl auch noch? Das gehört mir, und kein anderer soll es mir nehmen, als ich selbst. Ich bleibe, der ich war, der Waldmüller vom Hengstbach.“ Und mit diesen Worten rannte der Verstockte tiefer in den Wald hinein.
Am nächsten Tag fanden Waldarbeiter den alten Sünder an einem Baume hängend. Wie er gesagt, hatte er sich selbst das Leben genommen, um so zum Teufel einzugehen.
Die Arbeiter errichteten an dieser Stelle ein einfaches Holzkreuz, das noch heute versteckt im Mitteldicker Forst steht und der „Hölzernkreuzschneise“ den Namen gab. Aber auch im Grabe hat er keine Ruhe. In mondhellen Nächten irrt er in seinem weißen Müllerkittel und seiner weißen Zipfelmütze im Wald umher und erschreckt den Wanderer, sodass dieser vom Wege abirrt und sein Ziel verfehlt.

 Noch heute erinnern die Weidseeschneise und die Breitseeschneise, die die Hengstbachaue queren, an den See wo der Hengstbach weit vor der Waldmühle aufgestaut wurde und wo er sich dann seinen unterirdischen Weg zum Gundbach hin geschaffen hat.

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