Geschichts- und Heimatverein e.V. Dreieichenhain

Dreieich-Museum

Der Hunnenbrunnen

von Jean Heyl

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Im Hainer Wald zwischen Dreieichenhain und Langen, unweit des Wohngebietes Säuruh, entspringt ein kleiner Bach, der in nördlicher Richtung in die Gemarkung Sprendlingen fließt. Die Quelle hat mehrere Bezeichnungen: Hunnenbrunnen, Hinnerbörnsche, Hennebörnsche oder auch Hainer Börnsche (Börnsche bedeutet soviel wie Born, Wasserstelle, Brunnen).
In historischen Dokumenten und Karten tauchen auch Bezeichnungen wie Fons Hinulli (Tränke des jungen Maulesel), Hindborn oder Hinterer Born auf.
Es gibt keine eindeutigen Belege über die wirkliche Bedeutung und Herkunft des Namens und daher gibt es viel Raum für Spekulation und phantasievolle Geschichten.

Vor Ort erkennt man heute die in den 1920er Jahren gefasste Quelle in einer Bodensenke als eine ca. 1 Meter hohe Betonstele mit einem Ausflussrohr und einem ca. 10 Meter langen gepflasterten Bachlauf. Der weitere Bachlauf liegt im Grund eines ca. 4 Meter tiefen und 6 m breiten Grabens, umsäumt von Mischwald. Die Senke mit einem Durchmesser von ca. 15 m und der folgende ausgewaschene Ablaufgraben deuten darauf hin, dass sich in früheren Zeiten hier ein größeres Wasserloch oder ein kleiner Teich befand. Heute ist die Quelle nicht mehr ergiebig und ist in den Sommermonaten häufig versiegt. Der Ablaufgraben mit dem Rinnsal unterquert die nahe Autobahn A661 und endet am Straßengraben der ehemaligen Bundesstraße B3 zwischen Langen und Sprendlingen.

Vor einigen Jahren hat der Verein „Freunde Sprendlingens“ das Areal gesäubert, den Brunnen und Ablaufgraben repariert und eine Treppe installiert, die zum Brunnen führt.

Die genaue Lage der Quelle ergibt sich wenn man auf einer Landkarte von der Alberus-Kirche in der Sprendlinger Altstadt, der Stadtkirche in der Altstadt von Langen und der Burg Hayn in Dreieichenhain jeweils einen Kreisbogen mit Radius mit 1500 m schlägt. In deren Berührungspunkt liegt die besagte Quelle. Zudem liegt die Quelle auf dem 50. Breitengrad, genau 50:00:04 Grad nördliche Breite und 08:41:42 Grad östliche Länge. Das Areal um die Quelle liegt am Beginn der Brunnenschneise, direkt neben dem Waldspielplatz am Wohngebiet Säuruh. Mehrere Bänke und Tische sowie eine Überdachung laden zum Verweilen ein.

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Namensgebung – alles nur Spekulation

Der Sage nach lagerten einst rund um diese Quelle versprengte Reitertruppen der Hunnen nach ihrem gescheiterten Eroberungszug nach Gallien im Jahr 451 n.Chr. Die Hunnen waren ein zentralasiatischen Reitervolk, das sich im Rahmen der Völkerwanderung und auf der Suche nach Weideland und fruchtbaren Ackerböden in Richtung des weströmischen Reiches ausbreitete. Als Neuankömmlinge wurden sie abwertend als Barbaren bezeichnet. Ab dem Jahr 350 n.Chr. bildeten sie im heutigen Ost-Europa, in der ungarischen Tiefebene und dem nördlichen Balkan ein eigenständiges Reich.

Im Jahr 451 fielen die Hunnen unter ihrem mächtigen König Attila und den verbündeten slawischen Völkern in Gallien, dem heutigen Frankreich, ein. Im Juni 451 kam es in der Champagne unweit von Troyes zur Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. Weströmische Truppen mit Unterstützung der Westgoten kämpften gegen die eindringenden Hunnen. Diese größte Schlacht der Antike mit etwa 1 Million Kämpfern endete mit dem Rückzug Niederlage der Hunnen, die sich danach in breiter Front über den Rhein zurückzogen und sich für eine Eroberung von Oberitalien und Belagerung Roms (im Jahr 452) neu formierten.
Es ist anzunehmen, dass damals auch das Dreieichgebiet ein Sammelplatz der Truppen war.

Der legendäre König Attila starb im Jahr 453, der Sage nach in der Hochzeitsnacht mit seiner Gemahlin, der burgundischen Prinzessin Ildiko (Hildchen). Danach verfiel das Reich der Hunnen sehr schnell. Übrig blieben u.a. die slawischen Völker.

Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied tritt der Hunnenkönig Attila als Etzel und die Burgunderprinzessin Ildiko als Krimhild auf.

Eine andere Geschichte geht zurück auf Kaiser Karl der Große (742-814).
Es ist das Jahr 794. Der Frankenkönig Karl hatte in den Sommermonaten wichtige Kirchenvertreter des fränkischen Reiches, aus Aquitanien, Italien und der Provence zur Synode nach Frankfurt geladen. Bei dieser Versammlung wurden neben der Klärung weitreichender kirchlicher Fragen auch einheitliche Preise für Getreide und Brot und der Denar mit den Initialen Karls als einheitliche Währung vereinbart.
Zum Rahmenprogramm gehörten auch Jagden im nahen Wildbannforst Dreieich, wo es nicht nur ausreichend Hirsche, Rehe und Wildschweine gab sondern wo auch in einem Hundestall im Hayn seine Jagdhunde - die Weißen Bracken – gezüchtet und für die Hetzjagd abgerichtet wurden.
Wieder einmal weilte Karl mit seinem Gefolge zur Jagd in seinem geliebten Wildbannforst Dreieich. Nach einer längeren Hetzjagd durch den dichten Hainer Wald plagten ihn große Rückenschmerzen. Er suchte nach einem geeigneten Rastplatz. Endlich an einem kleinen Teich angekommen stieg er erschöpft vom Pferd und rief in fränkischem Dialekt „endlich bin ich hunne“ (im Sinne von endlich bin ich unten und stehe auf festem Boden). Die örtlichen Treiber, die in der Nähe waren, hörten diesen Ausruf des Kaisers und nannten diesen Teich in Erinnerung an Kaiser Karl ab jetzt den „Hunneborn“.

Am Rande erwähnt: Während seines Aufenthaltes in Frankfurt verstarb im August 794 Karls Ehefrau Fastrada und wurde in einer Kapelle bei Mainz beigesetzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der oft verwendete Namen „Hinnerbörnsche“ könnte auch daher kommen, dass das ein Hinweis auf die örtliche Lage des Teiches im Hainer Bürgerwald war. Immer wenn jemand Auskunft danach verlangte wurde im von den einheimischen Haanern in Richtung Westen zeigend geantwortet „da hinne“. Mit der Zeit wurde daraus das „Hinnebörnsche“ oder „Hennebernsche“.

Möglicherweise ist der Name „Hunnenbrunnen“ auch zurückzuführen auf die Bezeichnung „Hungerbrunnen“. Es ist ein Hinweis auf eine Quelle, die in trockenen Jahren häufig versiegte und damit eine schlechte Ernte und ein Hungerjahr ankündigte.

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Die Geschichte vom Klapperstorch

In vielen Regionen wird ein Brunnen oder ein Born häufig auch mit der Entstehung des Lebens und Geburt in Zusammenhang gebracht. So auch in unserer Heimat.

Wenn Dreieichenhainer Kinder geboren werden, werden sie vom Klapperstorch gebracht. Das hat man den Kindern schon immer erzählt. Der Klapperstorch hat sein Nest auf einem hohen Baum am Hennebörnsche und seine Nahrung fand er in der noch nicht bebauten Säuruh. Kommt die Zeit der Niederkunft legt die Familie ein Stück Würfelzucker auf die Fensterbank ihrer Wohnung. Das ist für den Klapperstorch das Zeichen, dass hier ein Baby erwartet wird. Der Klapperstorch fliegt dann zum Hennebörnsche und sucht sich ein passendes Baby aus. Mit dem Baby im Schnabel fliegt er zurück zum Haus der wartenden Familie. Durch das geöffnete Schlafzimmerfenster fliegt er ans Bett der Mutter und legt das Baby neben ihr ab. Dann beißt er ihr in das Bein und der Schmerzensschrei erweckt das Neugeborene. Schnell verlässt der Storch das Zimmer sodass er von den wartenden Familienangehörigen nicht gesehen wird.

Diese Geschichte trifft zu bei allen Hausgeburten. Ob sie auch zutrifft bei Geburten in der Klinik konnte noch nicht festgestellt werden. Lange Zeit galt, dass man ein echter Haaner oder Haanerin nur dann ist, wenn man auch im Haa geboren wurde. Es ist auch nicht belegt, ob für Mädchen weißer Zucker und für Jungen brauner Zucker benötigt wurde und ob man bei Zwillingen zwei Stück Zucker hinlegen musste.

In den 1960er Jahren kam kaum noch Wasser aus dem Hennebörnsche. In dieser Zeit gingen auch nachweislich die Hausgeburten zurück. Auch wurde der Klapperstorch nicht mehr gesichtet. An der Geschichte musste also etwas Wahres sein.
Der Vollständigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass in den 1960er Jahren das neue Dreieich-Krankenhaus in Langen eröffnet wurde und die bisherige Dreieichenhainer Hebamme dort  in der Geburtsklinik tätig wurde. Viele Mütter bevorzugten jetzt eine Geburt in der Klinik. Und was das Wasser betrifft, so ist zu vermuten, dass der Bau der nahen Autobahn die unterirdischen Wasserschichten wesentlich verändert hat.

Am Tauftag des Kindes ging der Vater frühmorgens mit einer Kanne zum Hennebörnsche und holte frisches Wasser. Nachdem der Pfarrer das Wasser gesegnet hatte wurde damit das Kind getauft. Jetzt war das Kind ein echter Haaner oder eine echte Haanerin.
Das restliche Taufwasser konnte auch gut zum Backen des Kuchens für die Tauffeier verwendet werden.
Noch heute soll es vorkommen, dass Eltern ihre Kinder nachträglich direkt am Hennebörnsche mit Hennebörnsche-Wasser taufen.