Die Koberstadt – Geschichte und Geschichten

von Jean Heyl

 Wissenswertes

 Die Koberstadt ist ein weitgehend geschlossenes Waldgebiet im südlichen Hessen zwischen Frankfurt und Darmstadt. Sie wird begrenzt von den Orten Dreieich-Dreieichenhain und Drh-Götzenhain im Norden, Darmstadt-Kranichstein und Da-Arheiligen im Süden, Langen, Egelsbach und Erzhausen im Westen, Dreieich-Offenthal und Messel im Osten. Das Gebiet war Teil des Reichsbannforstes Dreieich (Jagdrevier des Kaisers). Die Ausdehnung in Nord-Süd-Richtung ist ca. 10-12 km, in Ost-West-Richtung ca. 4-5 km. 

 Der Koberstädter Wald ist ein beliebtes Wandergebiet und wird durchzogen von einem gut ausgebauten, leicht  welligen Wegenetz. Die höchste Erhebung mit 198 m ist im Norden am neuen Wetterradarturm an der B486. In Richtung Darmstadt fällt das Gelände leicht ab bis auf ein Niveau von ca. 150 m.

Das hauptsächlich rechtwinklige Wegemuster deutet auf gewollte Eingriffe hin, z.B. für die Waldbewirtschaftung und die höfische Jagd, wie sie besonders ausgehend vom Jagdschloss Kranichstein gepflegt wurde. Größtenteils gibt es Laubwald, mehrheitlich Eichen und Buchen.

In der Koberstadt entspringen mehrere Bäche, wie Tränkebach und Hegbach (im Oberlauf Rutschbach), alle mit Fließrichtung zum Rhein. Dazu kommen idyllische Teiche, wie Dachsteich, Egelswoog mit Ludwigs-Brunnen und Ernst-Ludwig-Teich mit der Hegbachaue.

In südlicher Richtung jenseits der Hegbachaue geht die Koberstadt in den Landgräflichen Wald (zu Darmstadt) über. Hier ist auch die Bezeichnung „Messeler Park“ gebräuchlich. In östlicher Richtung schließt sich das Waldgebiet der Rödermark an.

Der dichte Laubwald lässt bis auf einige Randgebiete leider keine Fernblicke zu. Schöne Aussichten hat man vom ehemaligen Forsthaus Koberstadt / St. Albanus-Berg (Nähe Langen) in Richtung Taunus und Rheingau oder von der Anhöhe Hirsengewann (Nähe Offenthal) in Richtung Odenwald.

Zahlreiche Hügelgräber und vermutete Reste einer Befestigungsanlage zeugen von einer frühen Besiedelung durch die Kelten ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. (frühe Hallstattzeit). Die größte Hügelgräber-Gruppe, erkennbar als bewachsene Erdhügel, befindet sich im nördlichen Bereich zwischen Lindenschneise und Dammweg (östlich der Koberstädter Hütte). Es wurden 29 Gräber gezählt und wurden in den 1890er Jahren durch Friedrich Kofler auf Initiative Langener Bürger und in den 1930er/1950er Jahren durch Karl Nahrgang archäologisch erfasst.

Bemerkenswert sind auch die vielen Grenzsteine als Markierung der unterschiedlichen und wechselnden Herrschaftsgebiete, wie das der Hanau-Lichtenberger und Ysenburger / Hessen-Darmstadt.

Heute gehört die Koberstadt zu den Gemarkungen Dreieich, Langen, Egelsbach, Messel und Darmstadt.

Der Name „Koberstadt“ leitet sich vermutlich ab von „Kupferstätte“. (Kupfer: lat. Cubrum) Das deutet auf Kupfererz-Verarbeitung hin. Die Koberstadt wird erstmals 1680 in den Landkarten erwähnt, frühere Bezeichnungen sind Cupereshart (erstmals 876/881) und Kobershart (erstmals 1313). Es gibt aber auch die Theorie, dass als Cupereshart der „Wald am Stall des Spürhundes“ bezeichnet wird, in Anspielung auf die kaiserliche Jagdhundezucht und -haltung der weißen Bracken (Hunderasse) im Reichsbannforst Dreieich.*)

Im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt finden sich viele geologische und geschichtliche Informationen zur Koberstadt, u.a. auch Funde von den Ausgrabungen der Hügelgräber. Eine gute Empfehlung ist die „Keltenprozession“ auf der Bulau bei Rödermark-Urberach. Interessant sind auch die Ausstellungen im Museum des Jagdschlosses Kranichstein.

Quellen:

Internet: www.wikipedia.org und www.steine-in-der-dreieich.de.
Broschüre „Landschaft Dreieich“-Blätter für Heimatforschung, Jahrgang 1988, Seite 69 ff.
Buch „Dreieichenhain im Wandel – 750 Jahre Stadt im Zentrum Europas“, S. 113 ff
Freizeitkarte Regionalpark Rhein-Main, Südlich des Mains, Teil 2.

Geschichten

In der Heimatkunde gibt es viele Geschichten über die Koberstadt. Hier einige, die von Generation zu Generation weitererzählt werden und das Kulturgut unserer Heimat bereichern.

 Das untergegangene Volk

In der Vorzeit soll im Koberstädter Wald ein großes und reiches Volk gelebt haben. Lange ging es dem Volk gut. Aber als die Menschen durch ihren Reichtum vorwitzig, übermütig und ungehorsam wurden, da schickte der Schöpfer eine schwere Strafe auf die Stadt herab. Ein großes Meer rückte immer näher und nacheinander rutschte die Stadt in die Tiefe hinab. Zum Schluss stand nur noch der prachtvolle Palast einsam am steil abfallenden Rand. Nur kurze Zeit währte dies, dann stürzte auch er hinab in die gierige Flut. Seitdem ruht die versunkene Pracht tief in der Erde.

Noch heute können aufmerksame Wanderer feierliche Töne aus der Tiefe, Orgel und Glockenklänge aber auch das Wehklagen der Untergegangenen hören. Ihr Blut hat sich mit der Erde vermischt und daraus ist das sogenannte „Rotliegende“ entstanden, ein besonderer Sandstein in dieser Region.  Einzig der König konnte sich retten, wurde jedoch in einen Hirsch verwandelt und streift seit dieser Zeit durch den Wald auf der Suche nach seinem untergegangenen Volk. Aber aufgepasst! Manchmal bringt dieser Hirsch die Wanderer auch vom Wege ab.

Quelle:
Broschüre Landschaft Dreieich – Blätter für Heimatforschung, Sonderband Sagen, Mythen und Märchen, von Gerd J. Grein 1994. Seite 14 ff

 Die Schlangenkönigin am Dachsteich

Am westlichen Rand der Koberstadt, nahe an Langen befindet sich der Dachsteich. Unweit dieses Teiches wohnt in einem unterirdischen Gemach eine Schlangenkönigin. Zuweilen verlässt die Schlangenkönigin ihre Wohnung um im Dachsteich zu baden. Dazu legt sie ihre wunderschöne goldene Krone ab.

Wer die Krone haben will, darf dort nur ein rotes Tuch ausbreiten und muss sich im Gebüsch versteckt halten, solange bis die Schlangenkönigin kommt und ihre Krone auf das Tuch legt. Ohne ein Wort zu sprechen muss man das Tuch mit der Krone schnell zusammenraffen und eilends fortlaufen. Hat das Tuch nur den geringsten Webfehler oder ist es verschmutzt oder lässt man nur einen Laut fahren, so wird man unfehlbar getötet. Bisher hat sich noch niemand getraut diese Krone zu entwenden.

Quelle:
Broschüre Landschaft Dreieich – Blätter für Heimatforschung, Sonderband Sagen, Mythen und Märchen, von Gerd J. Grein 1994. S.16

Der Sankt-Albanus-Berg (Die Geschichte von Alban und Josephine)

Zwischen dem Langener Mühltal und dem Koberstädter Wald gibt es eine Anhöhe mit dem Namen Sankt-Albanus-Berg. Der Name geht zurück auf einen Mönch namens Alban der hier als Einsiedler gelebt haben soll und bei den Menschen in der Region sehr beliebt war.

Es ist im Jahr 1224. Jung und Alt aus der hiesigen Gemarkung versammelten sich um die kleine Kapelle des mit neu angelegten Ringmauern und Wallgräben umgebenden Ortes Langungon (heute Langen) um das Osterfest zu feiern. Alles lag schon auf den Knien, schon ertönten feierliche Gesänge, als Alban, ein frommer und biederer Jüngling sich demütig der Kapelle näherte und betend zum Hochaltar schritt.
Ganz in sich versenkt, lehnte er sich an einen Pfeiler an, dachte seinem Schicksal nach, das ihn bisher geleitet, und dankte den Heiligen für das Glück und die Freuden, die sie seither ihm bereitet haben. Sanft und freundlich schien das Muttergottesbild ihm entgegen zu lächeln.

 Wie von ungefähr blieb sein Blick auf einem Mädchen ruhen, das vor der Heiligen kniete, und das, nach seiner aufgeregten Phantasie, jenem Bilde völlig ähnlich sah. Umsonst suchte er sein Auge von ihr abzuziehen, unwiderstehlich fesselte ihn des Mädchens holder Mund und ihre frommen Mienen. Begeistert trat er näher zu ihr hin und kaum hatte das Mädchen ihn erblickt, so war auch ihr Auge auf seinen Blick gefesselt. Wie angewurzelt stand Alban da, er fühlte sich selbst nicht mehr und Alles um ihn herum verschwand seinen Blicken, nur die schöne Josephine sah er noch.
Als sie sich langsam erhob um den Altar und darauf auch die Kapelle zu verlassen, so schien es dem Alban, als wenn ein Engel vor ihm schwebte. Er war unentschlossen, was er tun sollte: ob er der Schönen folgen soll oder nicht. Ihr sanfter holder Blick versprach Verzeihung, wenn er ihr nacheilte um sie zu anzusprechen. Doch im Hinblick auf sein Gelübde, fürchtete er, die Heilige würde ihm die Gnade entziehen, welche sie bisher so gütig ihm verliehen habe. Endlich eilte er gefasst dem Mädchen nach, das noch vor der Kapelle stand und es schien, auch nach ihm noch einmal zurück sah. Unaufhaltsam zog es ihn fort, entschlossen es zu wagen und ihr seine Gefühle zu entdecken.
Unweit ihrer elterlichen Hütte im Koberstädter Wald entsprang eine klare Quelle, von Linden- und Ulmenbäumen schön umringt. Dorthin eilte sie, um im Schatten dieser Bäume sich dem süßen Traum hinzugeben; denn auch sie durchdrang ein nie gekanntes Gefühl, als sie den jungen Mann erblickte. Ermüdet setzte sie sich auf einem bemoosten Stein nieder und lauschte dem Gesang der Nachtigall, freudiger als je geschehen.
(Der Ort des Geschehens könnte die Gegend um die heutige Merzenmühle sein. Auch muss man beachten, dass zu der damaligen Zeit die ganze Gegend mit Wald bedeckt war in dem die einzelnen Höfe zerstreut lagen und es keine Straßen gab.)

 Unterdessen näherte sich schüchtern und langsam durch die dunklen und dichten Gebüsche der ihr gefolgte Alban und sank an ihrer Seite hin. „Hier“ sprach er „liegt zu deinen Füßen ein Jüngling, der, hingerissen von der Andacht, in dir die Heilige erblickt, vor dem Bilde es betend oft sich niederwarf. O, könntest du ihm den schönen Wunsch gewähren, den er in seinem Busen trägt, er möchte ewig dein sich nennen, dir möchte er sein ganzes Leben weih`n.“ Den Jüngling zu erhören, war ja des Mädchens Herz bereit. Mit liebevollem Blick reichte sie ihm die Hand, ihn zu erheben. Neues Leben glühte in Albans Adern, feurig hob sich Josephines Busen und Herz an Herz schlossen sie den heiligen und schönen Bund der Liebe.
So lebten sie, jener süßen Stunde stets erinnernd, als Muster wahrer Frömmigkeit. An manchem schönen Abend kamen sie an jener Quelle zusammen um im Schatten der Bäume und bei den lieblichen Tönen der Nachtigall dankbar zu Gott zu erheben.

An einem schönen Sommerabend hatten sie wohl über eine Stunde dort geweilt, und sie bemerkten nicht, dass sich am Horizont ein schwarzes und fürchterliches Wetter erhob. Die Wetterwolken wälzten sich, vom Sturm getrieben, schnell von Westen herauf und fürchterlich durchkreuzten Blitzstrahlen die Luft.
Lasst uns eilig fliehen, lieber Alban, rief Josephine von großer Angst bewegt, der Himmel öffnet sich, wie fürchterlich ist die Natur!
Flüchtig eilten sie nach Josephines Wohnung. Doch der Sturm schüttelte die alten, dicht verwachsenen Eichen und schleuderte ihre Äste weit umher. Der Donner rollte, die Wolken ergossen ganze Ströme und mit einem Mal fuhr ein Blitz herab auf Josephine und auch Alban sank betäubt an ihrer Seite nieder.

Als der Mond wieder durch die Wolken und sein Glanz auch in das Dickicht des Waldes drang, da erwachte Alban wieder. Wer vermag seinen Schmerz zu schildern, der ihn ergriff! An seiner Seite lag die geliebte Josephine, kalt und gefühllos hingestreckt. Vergebens hoffte er noch, dass der holde Schlummer sie eingewiegt, vergebens suchte er mit Küssen und Händedrücken sie zu wecken. Sie war tot.

Alban, den der Schrecken bald auf ein hartes Krankenlager warf, tat das Gelübde, dort an der Stelle, wo der Blitzstrahl die Geliebte an seiner Seite niederschlug, in stiller Abgeschiedenheit, in Ruh und Einsamkeit, den Rest seines Lebens dem Schöpfer in Fasten und Gebet zu weihen. Dort baute er sich eine einfache Hütte und wurde bald als Heiliger erkannt, geliebt von der ganzen Gegend wegen seiner Frömmigkeit.

Zweimal am Tag zog er sein Glöcklein, dessen silberheller Ton weit über die Gegend erklang, mahnend zum Gebet. Seine Lobgesänge erschallten am frühen Morgen gen Himmel. Um ihn allen irdischen Kummer zu entziehen, trug man ihm jeden Morgen ein wenig Milch und Brot vor seine Einsiedelei.
Einst fand ein Mädchen, welches ihm eben Essen überbringen wollte, alles stumm und tot um seine Hütte. Sie dachte „er schläft“ und wollte eben wieder nach Hause gehen, nachdem sie die Gabe auf eine Bank vor der Hütte abgelegt hatte. Doch sie blickte durch das Fenster und sah, dass er erblasst vor seinem Altar niederkniete. Erschrocken fuhr sie zurück und rannte zurück in den Ort um zu verkünden was geschehen war.

Alt und Jung eilte hinauf zur Einsiedelei um Alban noch einmal zu sehen, den sie als Schutzgott verehrten. Feierlich wurde sein Leichnam an Josephines Seite bestattet. Die Stätte aber, wo die Hütte stand, erhielt den Ruf der Heiligkeit und der Hügel heißt bis zu heutigen Tag der Sankt-Albanus-Berg.

Quelle:
Broschüre Landschaft Dreieich – Blätter für Heimatforschung, Sonderband Sagen, Mythen und Märchen, von Gerd J. Grein 1994. Seite 42 ff

 Hinweis:

·         Im Koberstädter Wald tragen mehrere markante Punkte den Namen „Ernst Ludwig“ oder „Ludwig“. Wie Ludwigs-Brunnen, Ernst-Ludwig- Teich. Damit wird erinnert an Ernst Ludwig Karl Albrecht Wilhelm von Hessen und bei Rhein (1868-1937), von 1892 bis 1918 letzter Großherzog von Hessen Darmstadt.

·         In der Koberstadt gibt es keine Möglichkeiten zur Einkehr. Daher wird Rucksackverpflegung empfohlen.

·         Schutzhütten bei Regen sind: Koberstädter Hütte, die Hütte am Ludwigs-Brunnen und der Weiße Tempel.

·         Durch historische Karten belegt ist, dass die nördliche Grenze zwischen der Koberstadt und Dreieichenhain  entlang des Weges zwischen Götzenhain (Langener Straße), dem Langener Mühltal mit Paddelteich und Merzenmühle bis zum Langener Schwimmbad, also auf der heutigen Regionalpark-Rundroute, verläuft. Die Trasse der B486 und der A661, die Merzenmühle, der St. Albanus-Berg und das Wohngebiet Oberer Steinberg sowie die Gemarkung „Im Haag“ in Dreieichenhain waren früher Bestandteil der bewaldeten Koberstadt.

·         Die zahlreichen Hinweisschilder und Tafeln des Regionalparks entlang der Hauptwege bieten zusätzliche Informationsmöglichkeiten.

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